An der Seite des Lebens

Ethische Herausforderungen in Palliativmedizin und -pflege

Spätestens seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Februar 2020 wird deutlich: Die vielfältigen Fragen rund um das Lebensende sind in Deutschland noch nicht ausdiskutiert – und möglicherweise können sie das auch niemals sein.

Viele sind verunsichert im Blick auf die ethische Beurteilung medizinischer Handlungen am Lebensende. Der mit palliativmedizinischen Fragen vertraute Arzt und Medizinethiker Stephan Sahm meldet sich in der jetzigen Debatte mit einem im Echter Verlag erschienen Bändchen zu Wort.
 
Unter dem Titel „An der Seite des Lebens. Ethische Herausforderungen in Palliativmedizin und -pflege“ unternimmt der Autor eine Tour d’Horizon durch die medizinischen und ethischen Fragen rund um das Lebensende. Die Anlage ist dabei Programm: Ausgehend von konkreten Situationen am Lebensende öffnet Sahm die Auseinandersetzung über konkrete Themen mit dem Programm einer „Palliativen Kultur“. Dazu gehört nach Sahm wesentlich eine Haltung, die den ganzen Menschen in den Blick nimmt und mehr umfasst als ärztliche Handlungen: Palliative Care ist eine Haltung und damit Aufgabe eines jeden Einzelnen in der Gesellschaft. Die Themen der Ethik am Lebensende werden von Sahm prägnant und eingängig diskutiert. Dabei bezieht Sahm Position: Das Kapitel „Suizidassistenz und aktive Sterbehilfe“ ebnet den Weg zum Abschnitt „Der bessere Weg: Sterbebegleitung statt Sterbehilfe“.
 
Diejenigen, die Orientierung in Bezug auf die vielfältigen Konflikte am Lebensende suchen, finden bei Sahm klare Positionen. Die Themen gehen vom Umgang mit Sterbewünschen über die Palliative Sedierung bis hin zur Frage nach dem Verzicht auf oder der Pflicht zur Ernährung.
 
Das letzte Kapitel nimmt die aktuelle politische Situation in den Blick: Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das den Paragraphen des Strafgesetzbuchs zur Suizidbeihilfe (§ 217) im Jahr 2020 für nichtig erklärt hat, ist es dem Gesetzgeber aufgetragen, eine Neuregelung zu formulieren. Wer Sahm in der Lektüre bis hier gefolgt ist, wird das Plädoyer „Es gibt keine Pflicht, beim Suizid mitzuwirken“ mitvollziehen: „Und nicht zuletzt liegt es an den Pflegenden, den Ärzt*innen, an Hospizhelfer*innen und allen Engagierten in der palliativen Sorge, sich in ihrem Umfeld, in den Ärzte- und Pflegeverbänden dafür stark zu machen, die Rückweisung der Assistenz beim Suizid und der Tötung auf Verlangen beizubehalten. Sie ist kein Teil palliativer oder sonstiger medizinischer Praxis. Zaghaftigkeit ist nicht angebracht. Die Rückweisung der Hilfe beim Suizid ist der menschliche, der bessere Weg.“ (Seite 102)
 
Dass die von Sahm behandelten Themen hochaktuell sind, hat gerade das Votum des Deutschen Ärztetages gezeigt. Nach intensiver Diskussion hat der Deutsche Ärztetag zwar klargestellt, dass die Mitwirkung an einem Suizid keine ärztliche Aufgabe darstellt. Der Satz, „Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten“ wurde allerdings zugunsten des Satzes „Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patientinnen und Patienten auf deren Verlangen zu töten“ in der Muster-Berufsordnung der Bundesärztekammer geändert.
 
Die gesellschaftliche Diskussion um das Lebensende ist nach wie vor von Kontroversen und unterschiedlichen Sichtweisen geprägt. Stephan Sahms Buch leistet einen wertvollen Beitrag, indem er klar Stellung bezieht und vor diesem Hintergrund eine Argumentationshilfe für eine Beteiligung in der Debatte vorlegt.
 
Sahm, Stephan: An der Seite des Lebens. 112 Seiten, echter Verlag 2021, 9,90 €.