Die gegenwärtige Vorsitzende des Bundesverbandes Trauerbegleitung und Demenz-Expertin Carmen Birkholz hat ein instruktives Buch zum Themenfeld Demenz und Trauer geschrieben. Ulrike Hudelmaier, Referentin für Trauerpastoral im Erzbischöflichen Seelsorgeamt Freiburg, hat es gelesen.
Trauer und Demenz
Buchbesprechung anlässlich des Weltalzheimertags am 21. September
In ihrem Buch »Trauer und Demenz« betrachtet Carmen Birkholz Demenz vor allem unter dem Blick der Trauer, der »hilfreiche Verstehenshorizonte« (S. 10) für die Betroffenen, die Begleitenden und die Gesellschaft eröffnen kann.
Nach kurzen Kapiteln über Äußerungsformen von Demenz und Zugänge zu Menschen mit Demenz widmet sich Birkholz im vierten Kapitel verschiedenen »Demenzkonstruktionen«. In vielen Textauszügen kommen sowohl Betroffene als auch Angehörige zu Wort und stellen ihre Erfahrungen aus ihrem Leben mit Demenz und gesellschaftliche Reaktionen dar.
Mit der Frage »Was ist Trauerbegleitung bei Menschen mit Demenz?« hat die Autorin Kapitel fünf überschrieben. Hier geht sie zunächst auf die Haltung in der Trauerbegleitung ein und betont, wie wichtig es ist, sich auf die »andere Seinsweise der Demenz« einlassen zu können (S. 68). »Gelingt es den Begleitenden, alle Emotionen, Empfindungen, Gedanken und Verhaltensweisen zu akzeptieren, so ist der erste und grundlegende Schritt für eine unterstützende Begegnung getan« (S. 68).
Darauf folgend stellt Birkholz hilfreiche Erkenntnisse aus der Trauerforschung zusammen und geht dann ausführlicher auf Faktoren ein, die bei Menschen mit Demenz Trauer auslösen können, wie zum Beispiel die Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses, Veränderungen der Persönlichkeit, die Begegnung mit alter Trauer, der Verlust von Sprache und des Erkennens, der Verlust von Teilen der Autonomie und der Steuerung des eigenen Lebens, Inkontinenz, Schamgefühl, Verlust von Würde und Wertgefühl, Pathologisierung und Medikalisierung, psychische und physische Gewalterfahrung, erzwungener Wechsel des Wohnumfeldes, unerkannte Trauer (S. 77-99).
Aufgrund dieser vielfältigen Verlusterfahrungen sind Demenz und Trauer eng verbunden. So kommt Birkholz zu folgendem Schluss: »Bleibt die Trauer von Menschen mit Demenz unerkannt und werden ihre möglichen Trauerreaktionen pathologisiert, entwickelt sich aus einer erschwerten Trauer eine traumatische Trauer, die Menschen mit Demenz weiter und schneller in das dementierende Erleben flüchten lässt« (S. 100).
In ihren weiteren Ausführungen zeigt Birkholz anhand von Beispielen aus der Praxis, wie emotionale Solidarität gelingen kann und erläutert Trauerfaktoren von An- und Zugehörigen.
Die kurzen Kapitel sechs bis acht beschäftigen sich mit den Themen »Herausforderungen für die Demenz- und die Trauerforschung«, »Aufgaben von Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleitern im Lebensabschnitt mit Demenz« und »Frieden schließen mit Demenz und abschiedlich leben«.
Birkholz gelingt es in ihrem Buch, den Blick auf Demenz zu weiten. Ebenso sensibilisiert sie für die verschiedenen Verluste von Menschen mit Demenz und ihrer An- und Zugehörigen und die dadurch hervorgerufenen Trauerreaktionen. Zudem stellt sie spannende Fragen wie zum Beispiel: »Wie geht man mit der immer wiederkehrenden Trauer um, wenn ein Mensch mit Demenz nach jemandem fragt, der tot ist?« (S. 104) und lädt zum gemeinsamen Nachdenken ein.
Leserinnen und Leser, die mit dem Themenbereich Demenz vertraut sind, erhalten in dem Buch einige wertvolle Impulse, um Menschen mit Demenz auf Augenhöhe und einfühlsam zu begegnen.
Birkholz, Carmen: Trauer und Demenz. 128 Seiten, Vandenhoeck & Ruprecht, 23 €.
Text: Ulrike Hudelmaier

