Otsuka, Julie: Solange wir schwimmen. 160 Seiten, mareverlag 2023, 22 €.
Ein Riss in der Parallelwelt eines Schwimmbades, »viele Meter unter den Straßen unserer Stadt«, verändert alles. Klare und logische Regeln und Strukturen in dieser Welt des Schwimmens geraten mit dem Auftauchen dieses Risses in Gefahr. Zu Anfang ist es nur ein kleiner Riss, kaum sichtbar, plötzlich auch wieder verschwunden, dann wieder da, größer, verändert, plötzlich existenziell, weil er verwirrt und zerstörerisch wirkt.
Der Riss verändert den Alltag, zumindest den von Alice, die wir als eine der Besucherinnen des Schwimmbads kennenlernen. Im Schwimmbad ist alles klar geregelt. Es gibt Regeln, Menschen sind Präsent durch ihr Tun, ihr Sein. Nicht so in ihrer Welt oben, in ihrem eigenen Leben. Als immer mehr Risse das Schwimmbadbecken durchziehen, muss das Bad schließen, die sichtbar strukturierte Welt, mit all den Riten und Strukturen, schwindet. Wie ist es in Alices Leben? Auch da gibt es immer mehr Risse, die ihr Leben verändern.
Die Risse im Leben von Alice sind das, was wir Demenz nennen. Sie werden ein Teil von Alice, verändern ihr Leben, aber doch nicht Alice als Person? Wie damit umgehen? Wie damit leben, in Momenten, in denen die Risse mal größer werden, mal kurzzeitig unsichtbar sind? Wie gehen Menschen damit um, die jene begleiten, deren Leben und Denken Risse bekommen?
Solange wir schwimmen von Julie Otsuka ist ihr zweites in deutscher Sprache übersetztes Buch. Schon ihr erstes Werk Wovon wir träumten war ein Welterfolg und einfach berührend. Und auch jetzt können wir hier ein Buch lesen, das mit dem Thema Demenz ein schweres Thema aufgreift, voller Wehmut aber ohne die Spur der Traurigkeit. Und es ist voller Sehnsucht nach einem Leben, das bis zum letzten Moment Leben ist.
Schubert, Helga: Der heutige Tag. 272 Seiten, DTV 2023, 24 €.
In Helga Schuberts neuem Buch erfahren wir vom Leben mit einem Menschen mit Demenz. Schubert entscheidet sich zusammen mit ihrem Mann, dass er nicht in ein Hospiz geht. Sie, über 80 Jahre alt, pflegt folglich ihren 16 Jahre älteren Mann zu Hause selbst. Die Autorin erzählt von all den Sorgen, Problemen, Überforderungen, der Verzweiflung und all dem, was noch kommen kann und wird.
Schon auf den ersten Seiten hatte ich beim Lesen ein Mantra in mir: »hätte aber die Liebe nicht«. Es lässt mich nicht los, bis mir, spätestens bei einem Dialog zwischen einem Pfleger und der Autorin, klar wird, dass das Buch ein wunderbarer Beleg dafür ist, dass diese Zeile aus dem Hohelied der Liebe des Apostel Paulus (1 Kor 13) hier ihren wahren Sinn entfaltet. Nicht, dass Helga Schubert in ihrem Buch die Situation verbrämt oder die Schwere der Situation abtut, vielmehr lässt sie gerade diese Schwere zu, indem sie Haltung und Handlung in Abhängigkeit stellt. Sie erzählt vom Zulassen der Schwäche, vom Annehmen dessen, was ist. Und sie erzählt, warum ihr Mann und sie all dies meistern. Wir lesen in diesem Text von einer Form der menschlichen Beziehung, die existenziell ist, denn sie reduziert sich auf das für sie Wesentliche: auf die Liebe zur Liebe, auf das Frieden-Schließen mit dem eigenen Leben und mit all dem, was zum Leben in Beziehungen dazugehört.
Damit ist dieses Buch wirklich, wie der Titel sagt, ein Stundenbuch der Liebe. Es dekliniert ein Leben in Liebe durch, gerade auch in den Momenten des Loslassens und des Abschieds.
Text: Björn Siller