„Du bist ein wichtiger Teil des Universums, es wäre ein völlig anderes ohne dich.“ Dieser Satz steht wie ein leiser Grundton über dem Kinderbuch 'Leben, Sterben und Kaninchen' von Dita Zipfel. Er tröstet – und fordert zugleich heraus. Denn das Buch stellt Fragen, die selten einfach zu beantworten sind: Fragen nach dem Leben, nach dem Sterben und danach, wie beides zusammengehört.
Leben, Sterben und Kaninchen
Ein Buch über das Leben und den Tod
Schon zu Beginn richtet sich eine überraschende Frage an die Leserinnen und Leser: Wie ist es jetzt gerade, du zu sein? Eine einfache Formulierung – und doch eine, die innehalten lässt. „Wie ist es gerade, du zu sein? Wie fühlt es sich an in Dir, das Leben?“
Zipfel arbeitet in diesem Buch kaum mit Erklärungen. Stattdessen stellt sie Fragen. Sie folgen keinem strengen Aufbau, eher wirken sie wie Gedanken, die sich beim Nachdenken über das Leben und den Tod ergeben. Beim Lesen entsteht deshalb manchmal der Eindruck, man begleite die Autorin selbst beim Denken.
Im Mittelpunkt steht ein Kind und sein Kaninchen mit dem Namen „Miss Marple“. Viel Handlung im klassischen Sinn gibt es nicht. Aber es gibt eine Beziehung – und damit auch die Erfahrung von Verlust. Wie ist es, jemanden nie wieder zu sehen? Das Buch umkreist diese Frage vorsichtig, ohne sie zu glätten oder mit schnellen Antworten zu beruhigen. Gerade darin liegt seine Stärke. Der Tod wird nicht dramatisiert, aber auch nicht verkleinert. Er gehört zum Leben – und über ihn darf man nachdenken.
Die Illustrationen von Rán Flygenring tragen viel zu dieser besonderen Stimmung bei. Die Farbpalette bleibt bewusst reduziert: Gelbgrün und Blau dominieren. Dadurch wirken die Bilder leicht und ruhig, fast schwebend. Einige Seiten kommen ganz ohne Text aus. Sie lassen Raum – für eigene Gedanken oder für ein Gespräch.
Und genau dazu lädt dieses Buch ein. Man liest es kaum still für sich allein. Eher entsteht beim Umblättern das Bedürfnis, mit jemandem darüber zu sprechen. Empfohlen ist es für Kinder ab etwa fünf Jahren – am besten gemeinsam mit einem Erwachsenen. Nicht, weil das Buch schwierig wäre, sondern weil seine Fragen weiterführen.
Denn 'Leben, Sterben und Kaninchen' geht es letztlich um mehr als um den Tod. Es geht um Aufmerksamkeit für das Leben selbst. Um Staunen. Um die Erfahrung, dass zum Leben auch Abschiede gehören. Gedanken darüber muss man erst einmal zulassen. Dieses Buch hilft dabei – behutsam und ohne pädagogischen Ton.
Dass es auf der Empfehlungsliste des Deutscher Kinder- und Jugendliteraturpreis für 2026 steht, überrascht daher nicht. Es gehört zu den seltenen Kinderbüchern, die ein großes Thema ernst nehmen, ohne schwer zu wirken.
Am Ende bleibt vor allem ein Gefühl von Staunen. Darüber, dass wir leben. Darüber, dass jede und jeder ein Teil dieser Welt ist – und dass sie ohne uns eine andere wäre. Vielleicht ist genau das die leise Botschaft dieses Buches: Wer über den Tod nachdenkt, sieht das Leben klarer. Für Kinder gilt das genauso wie für Erwachsene.
Dita Zipfel / Rán Flygenring: Leben, Sterben und Kaninchen, Hanser-Verlag, München, 2025, 80 Seiten, 17,- Euro.
Text: Dr. Verena Wetzstein

