Mittwochs um 10 Uhr verwandelt sich jeden Monat der Gemeindesaal in ein Tanzcafé. Ein Musiker packt seine Gitarre aus und stellt das Mikrofon auf. Einige Gäste sitzen schon erwartungsvoll am Tisch. Von welchen Schlagern werden sie heute in Schwung gebracht? Im Nu geht es dann auf der Tanzfläche rund. Alle haben miteinander großen Spaß und erleben kostbare Glücksmomente: Die Menschen mit Demenz und ihre Begleitpersonen.
Was uns trägt
Spirituelle Kraftquellen in der Begleitung von Menschen mit Demenz
Oder Pfarrerin Geertje Bolle und die Sozialpädagogin Katrin Albroscheit besuchen mit ihrem Leierkasten Menschen mit Demenz. Dann erklingen Lieder aus dem Gesangbuch, die mit guten Gedanken für die Seele und einem Segenswunsch verbunden werden. Bewährt haben sich diese mobilen Kurzgottesdienste während der Einschränkungen in der Coronazeit. Da standen die beiden im Innenhof von Pflegeheimen und die Bewohnerinnen feierten von ihren Fenstern aus mit bunten Tüchern mit.
Zwei Beispiele aus der Arbeit des „Geistlichen Zentrum für Menschen mit Demenz und deren Angehörige“ in Berlin. In der Katholischen Akademie Freiburg stellten Bolle und Albroscheit, beide in der Leitung des Zentrums, konkrete Möglichkeiten vor, achtsam die Seelen von Menschen mit Demenz zu stärken.
Der Seminartag hatte das Thema „Was uns trägt“ – und dazu gehört nicht nur die körperliche Versorgung, sondern auch die Spiritualität. Die Teilnehmenden aus den Bereichen Pflege, Hospiz, Seelsorge waren sich einig, dass Menschen mit Demenz ein „Recht auf Spiritualität“ haben. Die zunehmende Zahl der von Demenz Betroffenen und ihrer Angehörigen erfordert neue kreative kirchliche Initiativen um sie in ihren individuellen Lebenssituationen anzusprechen, um ihre soziale Teilhabe zu ermöglichen und um gesellschaftliche Vorurteile abzubauen.
Längst ist „Demenz“ kein Randthema mehr. Für Verena Wetzstein, Studienleiterin der Katholischen Akademie, ist die Demenzforschung inzwischen breit aufgestellt. Das Bündnis der „Nationalen Demenzstrategie“ arbeitet seit 2020 und sieht auch die „spirituelle und religiöse Unterstützung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen“ als wichtige Aufgabe. Aber Initiativen vor Ort gibt es bislang nur wenige.
Studien belegen, dass gelebte Spiritualität die Bewältigung von belastenden Lebenssituationen und Krankheiten fördert – auch bei Demenz. Ulrike Hudelmeier, Referentin im Freiburger Seelsorgeamt, stellt immer wieder fest, wie sehr Ängste und Vorbehalte verhindern, dass Menschen mit Demenz selbstverständlich am Zusammenleben teilnehmen und in die Mitte genommen werden. Es kommt also auf einen veränderten Blickwinkel auf die von Demenz Betroffenen und einen weiten Begriff von Spiritualität an!
„Demenz“ ist in unserer Gesellschaft ein Schreckgespenst, das Angst, Ohnmacht, Überforderung, Orientierungslosigkeit und Wut auslöst. Der Abbau der Verstandeskräfte, der Verlust von Autonomie und Alltagsbewältigung führen bald zu gesellschaftlichem Rückzug, auch aus Angst vor Blamage. Leicht wird übersehen, was bei all den Verlusten bleibt. Selbst wenn das „Kopf-Gedächtnis“ abbaut – das „Leib-Gedächtnis“, also Emotionen, Sinneswahrnehmungen, Bewegungsabläufe wie etwa das Musizieren, das Erleben von Freude und Trauer, oft auch die „Lebenslust“, bleiben. Menschen mit Demenz leben ganz im Hier und Jetzt und zeigen unverstellt ihre Gefühle.
Was bleibt ist die Individualität, die „Würde“. Denn nicht Verstand, Leistung und Gesundheit machen den „Wert“ eines Menschen aus, sondern seine Würde als „Gottes Ebenbild in jeder Lebensphase“. Was bleibt sind die „seelischen Bedürfnisse“. Diese sind im Grunde bei allen Menschen gleich, aber Menschen mit Demenz sind stärker auf Unterstützung anderer angewiesen, die diese Bedürfnisse erkennen und aufgreifen. Der Sozialpsychologe Tom Kitwood nennt als Grundbedürfnis die „Liebe“ und meint damit die Erfahrung: Jemand nimmt mich bedingungslos an und schätzt mich wert, so wie ich bin. In der Begegnung von Person zu Person kann ein Mensch mit Demenz so Vertrauen und Selbstvertrauen gewinnen. Weitere Bedürfnisse von Menschen mit Demenz im „personzentrierten Ansatz“ von Kitwood sind: Identität, Trost, Beteiligung, Bindung, Tätig sein. Diese Grundbedürfnisse sind Ansatzpunkte für eine behutsame Sorge um das seelische Wohl von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen.
Geertje Bolle erlebt bei ihren Begegnungen oft, dass Menschen mit Demenz „aufgehen in dem, was ihnen ´heilig´ ist, sich ganz hingeben. Da erlebe ich eine Dimension von Transzendenz,… die ich spirituell nenne. … Dazu gehören Erfahrungen von Danken und Staunen, von Trauern, Lieben, Beten, Singen, von Einander-Begegnen“. Dabei geht es nicht um Worte und Predigten, sondern um das einander auf Augenhöhe als Person wahrnehmen und würdigen. Mit „Spiritualität“ bezeichnet sie existentielle Erfahrungen, in denen der Geist Gottes als Kraftquelle gespürt wird, also weit mehr als kirchliche Rituale und Frömmigkeitsformen.
In Berlin trifft Pfarrerin Bolle auf viele Menschen ohne Kirchenbezug oder mit Vorbehalten gegen Religion und Kirche. Sie ist dann einfach „da“, möglichst absichtslos. Meistens – nicht immer! - gelingt es ihr, mit dem „spirituellen Ohr“ seelische Bedürfnisse zu erspüren und vorsichtig eine Tür zu öffnen. So kann ein Resonanzraum der Begegnung entstehen, der der Seele gut tut. Ihre behutsame Frage gegen Ende einer Begegnung „Darf ich einen Segen sprechen?“ wird meist mit einem Kopfnicken beantwortet. Manchmal passt sogar ein kleines Segensritual mit Hautöl auf dem Handrücken, eine verbindende Wertschätzung, eine berührende Bestärkung der Zusage: „Gott schenkt dir Kraft. Er beschützt und begleitet uns. Du bist nicht allein!“ Sie nennt das Momente, an denen sich „Himmel und Erde berühren“.
Text: Bernhard Kraus
Weitere Informationen
Geistliches Zentrum für Menschen mit Demenz und ihre Angehörige, Berlin: www.glaube-und-demenz.de
Geertje Bolle: Wo Himmel und Erde sich berühren. Spiritualität und Demenz. S. 45 – 50. In: Menschen mit Demenz in der Kirche – wie eigene Angebote gelingen; gemeinsamer Text der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nr. 29, August 2023 (auch im Internet; in dieser Publikation sind weitere sehr anregende Beiträge)
