„Wenn alles anders ist … Verschiedene Dimensionen der Trauer“

Die digitale Veranstaltungsreihe „Wenn alles anders ist … Verschiedene Dimensionen der Trauer“, die an drei Freitagnachmittagen zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 stattfand, bot einen differenzierten Blick auf unterschiedliche Formen und Kontexte von Trauer. 

Trauer gehört zu den existenziellen Erfahrungen des Menschseins. Sie entzieht sich einfachen Erklärungen, festen Abläufen und eindeutigen Antworten. Und doch stehen Menschen, die Trauernde begleiten – in Seelsorge, Trauerbegleitung, im liturgischen Dienst oder im ehrenamtlichen Engagement –, immer wieder vor der Aufgabe, Orientierung zu geben, auszuhalten, mitzugehen und zugleich fachlich reflektiert zu handeln.
Die digitale Veranstaltungsreihe nahm diese Spannung bewusst auf. Sie wurde veranstaltet von der Katholische Akademie, dem Institut für Pastorale Bildung und dem Erzbischöfliche Seelsorgeamt Freiburg und fand im Rahmen des Palliative Care Forums, einer Initiative der Erzdiözese Freiburg, statt.
 
Mit jeweils einer Referentin bzw. einem Referenten pro Nachmittag, einer konstant hohen Beteiligung zwischen 200 und 320 Teilnehmenden sowie einem klar strukturierten Ablauf aus Fachvortrag, Austausch im Online-Plenum und vertiefenden Gesprächen in Breakout-Gruppen erwies sich die Reihe als lebendiger Lern- und Vernetzungsraum. Viele der Teilnehmenden nutzten die Nachmittage ausdrücklich als Fortbildung und als Gelegenheit, sich mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern zu vernetzen.
 
Der thematische Bogen der Reihe spannte sich in diesem Jahr von der Trauer um Sternenkinder über Fragen von Spiritualität im Trauerprozess bis hin zur Trauer bei und mit Menschen mit Demenz. Deutlich wurde dabei: Trauer ist nie eindimensional. Sie ist biografisch, körperlich, seelisch, sozial und spirituell geprägt – und verlangt von Begleitenden ein hohes Maß an Sensibilität, Fachwissen und Selbstreflexion.
 
Den Auftakt der Reihe bildete am 24. Oktober 2025 die Veranstaltung „Wenn die Wiege leer bleibt – Trauer um Sternenkinder“. Referentin war Heike Brüggemann, Diplom-Sozialarbeiterin und Trauerberaterin aus Köln, die auf über 30 Jahre Erfahrung in der Begleitung von Eltern nach dem Verlust eines Kindes während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt zurückblickt. In eindrücklicher Weise machte sie deutlich, dass der Tod eines Sternenkindes für betroffene Eltern ein Einschnitt ist, der ein Leben lang nachwirkt – gerade dann, wenn das Umfeld diesen Verlust häufig nicht als „vollwertige“ Trauer anerkennt.
 
Brüggemann beschrieb die besondere Verletzlichkeit dieser Trauer, die oft im Verborgenen bleibt, sprachlos macht und nicht selten durch fehlende Rituale oder gesellschaftliche Unsicherheiten verstärkt wird. Sie lenkte den Blick auf das gesamte Familiensystem: auf Geschwisterkinder, die den Verlust auf ihre eigene Weise verarbeiten, auf Großeltern, die zugleich um ein Enkelkind trauern und ihre erwachsenen Kinder stützen wollen, sowie auf Partnerschaften, die durch unterschiedliche Trauerweisen herausgefordert werden. Für Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleiter stellte sie konkrete Impulse vor, wie ein behutsames Dasein, das Ernstnehmen der elterlichen Bindung zum verstorbenen Kind und die Ermutigung zu individuellen Erinnerungsformen gelingen können. Besonders betont wurde die Bedeutung einer Haltung, die nicht vorschnell trösten will, sondern Raum gibt – auch für Ambivalenzen, Schuldgefühle und lebenslange Verbundenheit.
 
Der zweite Nachmittag der Reihe widmete sich am 28. November 2025 dem Thema „Trauer ist eine Wunde – Spiritualität in der Trauerbegleitung“. Referent war Dr. Wolfgang Holzschuh, Diakon, Trauerbegleiter und Supervisor aus Regensburg. Er eröffnete den Teilnehmenden einen weiten theologischen und spirituellen Horizont und machte deutlich, dass Trauer stets eine existentielle Anfrage an den Menschen darstellt. Wenn ein nahestehender Mensch stirbt, geraten Fragen nach Sinn, Halt und Zukunft unausweichlich in den Blick. Glaube kann in solchen Situationen tragen – er kann aber ebenso erschüttert, infrage gestellt oder als brüchig erlebt werden.
 
Holzschuh zeigte anhand biblischer Beispiele, dass Klage, Zweifel und Protest integrale Bestandteile einer lebendigen Spiritualität sind. Trauer, so seine zentrale These, ist keine Glaubensschwäche, sondern ein Ort „theologischer Wahrheit“. Für die Praxis der Trauerbegleitung bedeutet dies, spirituelle Fragen weder vorschnell zu beantworten noch zu umgehen, sondern sie gemeinsam mit den Trauernden auszuhalten. Spiritualität kann dabei Kraftquelle sein, aber auch Suchbewegung, Unterbrechung und Wandlungsprozess. In den Rückmeldungen der Teilnehmenden wurde deutlich, wie entlastend es sein kann, Trauer als geistlichen Weg zu verstehen, der nicht auf schnelle Versöhnung oder Sinnstiftung zielt, sondern auf Ehrlichkeit vor Gott und den Menschen.
 
Verschiedene Begriffe zum Thema
 
Der dritte und abschließende Teil der Reihe fand am 9. Januar 2026 unter dem Titel „Trauer und Demenz – Trauerbegleitung als verstehender Zugang“ statt. Referentin war Dr. Carmen Birkholz, Theologin, Supervisorin und Trauerbegleiterin (BVT). Sie lenkte den Blick auf eine oft übersehene Dimension von Trauer: die vielfältigen Verluste, die Menschen mit Demenz im Verlauf ihrer Erkrankung erleben. Abschiede von Fähigkeiten, von vertrauten Rollen, von Orientierung und Autonomie prägen den Alltag – ebenso wie die Reaktionen der Umwelt, die nicht selten als kränkend oder entwürdigend erlebt werden.
 
Birkholz zeigte, wie der Blick auf Demenz unter dem Aspekt der Trauer neue Zugänge eröffnet. Emotionen und Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz werden verständlicher, wenn sie als Ausdruck von Verlust- und Trauererfahrungen wahrgenommen werden. Zugleich betonte sie, dass viele Begleitende aus ihrer eigenen Trauererfahrung heraus eine besondere Nähe und Solidarität entwickeln können. Trauerbegleitung wird so zu einem Schlüssel für eine sensible Begleitung, die Menschen mit Demenz auf Augenhöhe begegnet und ihre emotionale Wirklichkeit ernst nimmt.
 
Über alle drei Nachmittage hinweg erwies sich das digitale Format als tragfähig und dialogfördernd. Die selbstmoderierten Breakout-Gruppen boten Raum für Praxisbezug, kollegialen Austausch und persönliche Resonanz. Immer wieder wurde deutlich, wie sehr die Teilnehmenden von der Vielfalt der Perspektiven profitierten und wie wichtig Orte der Vernetzung und fachlichen Vergewisserung im oft herausfordernden Feld der Trauerbegleitung sind.
 
Die Reihe „Wenn alles anders ist …“, die bereits zum vierten Mal stattfand, versteht sich bewusst als Wegweiser und Orientierungshilfe. Sie lieferte keine Rezepte, wohl aber vertiefte Einsichten, ermutigende Haltungen und fachliche Impulse. In einer Zeit, in der Trauer vielfach nicht wahrgenommen wird, setzt sie ein Zeichen für eine achtsame, kompetente und menschennahe Begleitung – getragen von fachlicher Erfahrung, theologischer Reflexion und einer Haltung des respektvollen Dabeibleibens.