Zum Weltalzheimertag 2021 - Interview mit Waltraud Kannen
20.09.2021 |
Dranbleiben, online sein! Demenz und Digitalisierung
Unter dem Motto „Dranbleiben, online sein! Demenz und Digitalisierung“ geht die Katholische Akademie Freiburg dem Gedanken auf die Spur, welche Chancen, aber auch welche Herausforderungen mit der Digitalisierung für ein Leben mit einer Demenz-Diagnose für die Betroffenen – Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen – verbunden sind. Gerade angesichts der Corona-Pandemie wird von vielen Seiten der Ruf nach einem Vorantreiben der Digitalisierung laut. Gilt das auch für den Bereich der Demenz?
Was sind digitale Lösungen im Demenz-Bereich? Welche Chancen bietet die Digitalisierung für die Verbesserung der Prävention demenzieller Veränderungen? Welche bei der Versorgung von Menschen mit Demenz und welche bei der Unterstützung der Angehörigen?
Im Interview mit der Katholischen Akademie geht Waltraud Kannen, Leiterin der Sozialstation Südlicher Breisgau und Vorsitzende des Netzwerks Freiburger Modell – Wohngruppen für Menschen mit Demenz auf die Thematik ein.
KATHOLISCHE AKADEMIE: Frau Kannen, Sie sind seit vielen Jahren in der Region und darüber hinaus mit dem Thema Demenz „unterwegs“. Wie erleben Sie gegenwärtig die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen? Beobachten Sie Folgen des Lockdowns?
Waltraud Kannen: Wir sind seit dem Frühsommer dabei, uns auf den neuen, sicherlich anderen Alltag mit Corona einzustellen. Die Gefahren der Corona-Infektion werden uns noch länger begleiten, deshalb ist es pragmatisch, nach vorne zu schauen. Die notwendigen vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen gehören mittlerweile für uns, wie auch für die meisten unserer Klient*innen und Angehörigen, zur Routine. Probleme haben an Demenz erkrankte Menschen in der Regel mit dem Tragen ihrer Maske. Diese ist für sie ein Fremdkörper. Auch der Abstand wird nicht immer eingehalten. Menschsein bedeutet körperlichen Kontakt und Zuwendung, gerade auch bei Menschen mit Demenz. Wenn diese zum Beispiel die Pflegeperson in den Arm nehmen wollen und es passt, lässt diese es natürlich zu. Das allerwichtigste ist es, dass wir unseren Betreuten Vertrauen und Sicherheit geben und so etwas wie Unbekümmertheit und Fröhlichkeit ins Leben bringen. Der Stress, der zu Beginn von Corona bei vielen zum Abbau ihrer Mobilität und Alltagsfertigkeiten geführt hat, darf sich nicht wiederholen. Das heißt auch für uns, alles dran zu setzen, dass die Angebote wie die Tagespflege oder die Betreuungsangebote stattfinden. Dafür tun wir alles. Verpflichtet fühlen wir uns auch der Unterstützung und Begleitung der pflegenden Familien. Es darf nicht mehr dazu kommen, dass die „Schotten dichtgemacht werden“ und sie allein gelassen werden. Das war im letzten Jahr dramatisch. Der Fokus vieler Berichterstattungen lag auf den Krankenhäusern und Pflegeheimen, während 80% aller pflegebedürftigen Menschen zu Hause versorgt werden. Diese Erfahrung ist nicht vergessen, es wird noch lange dauern, bis diese Enttäuschung verarbeitet ist. Die Angst ist immer da, dass eine neue Welle wieder zu Schließungen und Kontaktsperren führt.
KATHOLISCHE AKADEMIE: Von so vielen Seiten wird während der Pandemie der Ruf laut, Deutschland hinke im Bereich der Digitalisierung hinterher. Und gleichzeitig hören wir: Die Pandemie sei ein Katalysator für Digitalisierung. Gilt das auch für unser Thema, Demenz? Gibt es „Digitalisierung“, die hier vorangetrieben werden könnte/sollte? Wer (Angehörige, Pflegende, Menschen mit Demenz, …) könnte am meisten von der Digitalisierung im Bereich Demenz profitieren?
Waltraud Kannen: Es ist tatsächlich so, dass die Covid-19-Pandemie deutlich Entwicklungsbedarfe im Bereich Digitalisierung und Alter erkennen ließ. Interessanterweise fiel in diese Zeit – August 2020 – auch die Bekanntmachung des 8. Altersberichts der Bundesregierung. Diese hat die Überschrift: Ältere Menschen und Digitalisierung. Und auch, wenn der Bericht noch vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie vollendet worden ist, so sind seine Inhalte ganz besonders relevant hinsichtlich aktueller Krisenzeiten und gibt er viele hilfreiche Anregungen. Covid-19 wirkte wie ein Brennglas und zeigt auf, dass digitales Basiswissen, aber auch Akzeptanz fehlten. Die Skepsis unserer älteren Klient*innen gegenüber digitalen Medien schmolz ganz schnell dahin. So wurden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bald gebeten, am Rande der pflegerischen Einsätze zum Beispiel Selfies der Oma an den Enkel zu schicken oder Videotelefonie einzurichten. Die nun entstandene grundsätzliche Offenheit sollten wir nutzen und angepasste zielgruppenorientierte Konzepte anbieten, sowie alltägliche Unterstützung in der Umsetzung und Anwendung. Nicht jeder hat in der Nähe einen Enkel. Eine niedrigschwellige kommunale Infrastruktur im Bürgerbüro wäre eine Möglichkeit. Digitale Teilhabe bedeutet aber auch: Digitale Medien sind vor allem für ältere pflegende Angehörige insbesondere bei Demenz ein neues bereicherndes Element, Kontakte zu pflegen, um dann auch mit der Zeit an Online-Schulungen teilzunehmen und zu virtuellen Angehörigen-Austauschtreffen hingeführt zu werden. Die Angebote sind im Entstehen. Bei uns in Baden-Württemberg ist die Alzheimer-Gesellschaft ganz rege.
KATHOLISCHE AKADEMIE: Sie haben das Stichwort „digitale Teilhabe“ genannt. Was verstehen Sie im Bereich von Demenz und in der Begleitung von Menschen mit Demenz darunter?
Waltraud Kannen: Für die meisten von uns ist es alltäglich: Wenn wir etwas nicht wissen, greifen wir zum Handy und schauen im Netz nach. Bei der digitalen Teilhabe geht es darum, dass alle Menschen einen Zugang zur digitalen Welt haben und sich in ihr zurechtfinden. Ein Großteil der Informationsbeschaffung, der Kommunikation und des Austauschs findet in unserer heutigen Welt online statt. Digitalität erleichtert uns vielfach den Alltag, gerade beim Lockdown, wo man Angst hatte, auf die Straße zu gehen. Immer mehr Handelsketten bieten einen Bring-Dienst über eine App an. Bei der Stammapotheke kann ich das Rezept mit dem Smartphone fotografieren und die Medikamente online bestellen. Ich bleibe unabhängig, wenn ich die Tickets online bestellen kann oder auch meine Rechnungen online bezahle, was im Übrigen auch kostengünstiger ist. Kontakt wird auch bei Entfernungen gehalten. Die Basis dafür ist jedoch die oben beschriebene Medienkompetenz. Diese voranzutreiben gehört aus meiner Sicht zur kommunalen Daseinsfürsorge.
KATHOLISCHE AKADEMIE: Gibt es bereits Erfahrungen mit „neuen Wege mit Demenz und dem Digitalen“? Was heißt das praktisch?
Waltraud Kannen: Wir stehen noch ganz am Anfang. Sicherlich bietet die Digitalisierung auch Chancen für die Verbesserung der Prävention demenzieller Erkrankungen und der Versorgung von Menschen mit Demenz sowie der Unterstützung ihrer Angehörigen. Der 8. Altersbericht beschreibt in seiner nationalen Demenzstrategie, dass bestehende Webangebote zur Vermittlung der Leistungen, Beratungs- und Schulungsansprüche sowie der Angebote in den entsprechenden Bereichen verbessert und stärker miteinander verlinkt werden sollen. Es gibt hier auch eine zentrale digitale Plattform aller Akteure – der „Wegweiser Demenz“. Ebenfalls möchte man Anstrengungen intensivieren, um neue Forschungsergebnisse zu Demenz für Betroffene, Angehörige und die interessierte Öffentlichkeit verständlich aufzubereiten und über Online-Portale wie den „Wegweiser Demenz“ zu verbreiten. Ich glaube, dass deutlich wird, dass das Problem erkannt wurde, es jedoch noch großer Anstrengungen bedarf. Dieses entspricht auch meiner Beobachtung. Gerade im Bereich der Pflege gibt es enorm viele Forschungsprojekte, unzählige Entwicklungen digitaler Apps und vieles mehr. Der Markt ist zu unübersichtlich, zu viele der Produkte sind nicht ausgereift, fehleranfällig und nicht kompatibel untereinander. Es werden Prototypen entwickelt und jeder funktioniert alleine für sich mehr oder weniger, aber an den Schnittstellen verursachen sie uns Probleme. Selbst bei einfachen Sicherungs- und Assistenzsystemen wie Tür-Überwachung oder Medikamenten-Erinnerungssystemen, Robotik, GPS-Ortungssystemen, intelligenten Beleuchtungssystemen, automatischer Herdabschaltung oder virtuellen Spieleangeboten, es braucht pfiffige Angehörige. Die Produkte haben eine hohe Fehleranfälligkeit und müssen gewartet werden. Man braucht zur Behebung Hilfe von außen, dieses schafft Abhängigkeiten und das steht konträr zu dem tiefen Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Dazu ist es sehr anstrengend, mit den Kassen die Finanzierung als Hilfsmittel durchzubekommen. Jetzt ist man dabei, dass die gängigen digitalen Hilfsmittel in den Hilfsmittelkatalog aufgenommen werden.
KATHOLISCHE AKADEMIE: Stellen wir die Angehörigen von Menschen mit Demenz noch einmal in den Mittelpunkt: Gibt es so etwas wie Telefon- und Emailberatung für Angehörige? Oder andere Entlastungsangebote?
Waltraud Kannen: Es entstehen erste digitale Angehörigengruppen. Bedingt durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie war und ist es vielen Angehörigengruppen nicht mehr möglich, sich wie gewohnt vor Ort zu treffen. Und das in einer Zeit, in der der Austauschbedarf noch größer ist als in "normalen" Zeiten. Flächendeckend haben wir Angebote wie den Pflegestützpunkt bzw. analog die Beratungsstellen für ältere Menschen sowie die Alzheimer-Beratungsstelle Baden-Württemberg. Es sind Anlaufstellen, die einem weiterhelfen können, für sich passgenau die richtige Unterstützung zu suchen. Bezüglich Entlastungsangeboten verweise ich gerne auf die kirchlichen Sozialstationen. Flächendeckend ausgebaut bieten diese eine Vielzahl an Entlastungsangeboten und dieses in der Regel vor der Haustür.
KATHOLISCHE AKADEMIE: Sie haben einige Chancen und Perspektiven für die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen durch digitale Maßnahmen skizziert. Sehen Sie auch Risiken, etwa, dass der persönliche Kontakt reduziert wird, wenn wir uns aufs Digitale verlegen?
Waltraud Kannen: Eine unverzichtbare Bedingung ist allen Akteuren mittlerweile klar und wichtig geworden: Der Einsatz digitaler Anwendungen kann und soll zwischenmenschliche Beziehungen nicht ersetzen. Wir sprechen eindeutig immer wieder von Unterstützungssystemen, die zum Beispiel helfen, lange selbstbestimmt zu Hause zu leben. Nicht mehr und nicht weniger. Natürlich wird der eine oder andere Einsatz einer Pflegekraft erspart. Wenn ich ein Medikamenten-Erinnerungssystem einsetze, welches funktioniert, kann dieses sehr hilfreich sein. Wenn es einen Roboter gibt, der das Trinken anbietet, ebenfalls. Wenn ein digitaler Sturzmelder Hilfe holt, beruhigt der Einsatz pflegende Angehörige, die nicht rund um die Uhr vor Ort sein können. Wir verstehen digitale Angebote, wie gesagt, als Unterstützung. Dadurch kann auch wieder Zeit frei werden, um sich dem Menschen mit Demenz in persönlicher Zuwendung zu widmen.
KATHOLISCHE AKADEMIE: Eine letzte Frage, Frau Kannen: Wo können Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen und Pflegenden sich weiter über „Demenz und digitale Teilhabe“ informieren?
Waltraud Kannen: Ich habe bereits viele Stellen genannt. Anbei die jeweiligen Links, die selbstverständlich wieder eine Medienkompetenz voraussetzen, etwa: