Von der großen Eiche am Wiesenrand fiel das Laub. Es fiel von allen Bäumen. Ein Ast der Eiche stand hoch über den anderen Zweigen und langte weit hinaus zur Wiese. An seinem äußersten Ende saßen zwei Blätter zusammen. »Es ist nicht mehr wie früher«, sagte das eine Blatt.
»Nein«, erwiderte das andere. »Heute Nacht sind wieder so viele von uns davon … wir sind beinahe schon die Einzigen hier auf unserem Ast.«
»Man weiß nicht, wen es trifft«, sagte das Erste. »Als es noch warm war und die Sonne noch Hitze gab, kam manchmal ein Sturm oder ein Wolkenbruch, und viele von uns wurden damals schon weggerissen, obgleich sie noch jung waren. Man weiß nicht, wen es trifft.«
»Jetzt scheint die Sonne nur selten«, seufzte das zweite Blatt, »und wenn sie scheint, gibt sie keine Kraft. Man müsste neue Kräfte haben.«
»Ob es wahr ist«, meinte das Erste, »ob es wohl wahr ist, dass an unserer Stelle andere kommen, wenn wir fort sind, und dann wieder andere und immer wieder…«
»Es ist sicher wahr“, flüsterte das Zweite, »man kann es gar nicht ausdenken … es geht über unsere Begriffe …«
»Und man wird auch traurig davon«, fügte das Erste hinzu. Sie schwiegen eine Zeit. Dann sagte das Erste still vor sich hin: »Warum wir weg müssen …?«
Das Zweite fragte: »Was geschieht mit uns, wenn wir abfallen …?«
»Wir sinken hinunter …«
»Was ist da unten?«
Das Erste antwortete: »Ich weiß es nicht. Der eine sagt das, der andere dies … aber niemand weiß es.«
Das Zweite fragte: »Ob man noch etwas fühlt, ob man noch etwas von sich weiß, wenn man dort unten ist?«
Das Erste erwiderte: »Wer kann das sagen? Es ist noch keines von denen, die hinunter sind, jemals zurückgekommen, um davon zu erzählen.«
(Quelle: Felix Salten, Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde, Zürich 2012, S. 68 f.)
»Man weiß nicht wen es trifft« sagte eines der Blätter.
Eine Antwort auf die Frage, wer wann stirbt, haben wir leider nicht.
Ebenso wenig haben wir eine sichere Antwort auf die Fragen,
»Was geschieht mit uns, wenn wir fallen«, wenn wir sterben? Wohin fallen wir?
Was wir Christen haben, ist eine Hoffnung.
Eine Hoffnung, die davon ausgeht, dass Gottes gute Hand uns auffängt.