Spiritual Care in Palliative Care

Tagung - 17./18.10.2025

Die zweitägige Tagung „Wohin soll ich mich wenden? Spiritual Care in Palliative Care“, die in den Räumen des Kolpinghotels Freiburg stattfand, versammelte rund 60 Teilnehmende aus Medizin, Seelsorge, Pflege, sozialer Arbeit, ehrenamtlicher Praxis für sterbende Menschen und weiteren Engagementfeldern rund um die Begleitung von Menschen am Lebensende. 

Veranstaltet wurde sie von der Katholischen Akademie Freiburg in Kooperation mit dem Geistlichen Zentrum Sankt Peter sowie der Internationalen Gesellschaft für Gesundheit und Spiritualität (IGGS). Die Tagung fand dabei im Rahmen des Palliative Care Forums statt, einer Initiative der Erzdiözese Freiburg. Ziel der Tagung war es, Spiritual Care im Kontext palliativer Versorgung interdisziplinär, interreligiös und gesellschaftlich situiert zu reflektieren.
 
Im Eröffnungsvortrag setzte der Zürcher Professor für Spiritual Care, Simon Peng-Keller, Akzente, die zugleich den theoretischen Referenzrahmen für viele der folgenden Beiträge und Diskussionen bereitstellte. Unter dem Titel „Wohin soll ich mich wenden? Spiritual Care in säkularer Gesellschaft“ entfaltete Peng-Keller Spiritual Care als hermeneutische Praxis an den Bruchstellen des Sinns. Ausgehend von einem anthropologischen Verständnis des Menschen als eines sich selbst deutenden Wesens argumentierte er, dass Krankheit, Sterben und Tod gewohnte Sinngefüge destabilisieren oder zum Einsturz bringen können. Spiritual Care, so seine zentrale These, begleitet Menschen nicht nur in der aktiven Sinnsuche, sondern auch dort, wo Verstehen zerbricht, Sprache versagt und Sinn nicht mehr narrativ verfügbar ist.
 
Peng-Keller verortete Spiritual Care damit konsequent in einem Spannungsfeld von Verstehen und Nicht-Verstehen. Aufbauend auf der Tradition klinischer Seelsorge, insbesondere auf Anton Boisens Metapher der „living human documents“, und im Anschluss an die philosophische Hermeneutik Paul Ricœurs, plädierte er für eine narrative Hermeneutik, die auch fragmentarische, gebrochene und nichtsprachliche Ausdrucksformen ernst nimmt. Gerade in palliativen Kontexten, so Peng-Keller, zeige sich eine „Emergenz des Essentiellen“: Formen von Spiritualität, die sich jenseits konfessioneller Zuschreibungen und kohärenter Lebensnarrative ereignen und dennoch für die Begleitung Sterbender hochrelevant sind. Spiritual Care müsse deshalb über die Rekonstruktion von Überzeugungen hinausgehen und sich auch als Praxis resonanzsensibler Präsenz verstehen.
 
Diese Grundlinien wurden im anschließenden Podiumsgespräch vertieft und interdisziplinär gespiegelt. Gemeinsam mit Bernd Alt-Epping (Palliativmedizin, Heidelberg) und Klaus Baumann (Caritaswissenschaft, Freiburg) diskutierte Peng-Keller unter der Moderation von Eckhard Frick SJ die Bedeutung spiritueller Dimensionen im klinischen Alltag. Deutlich wurde dabei, dass Spiritual Care nicht als additive Spezialdisziplin verstanden werden kann, sondern als Querschnittsaufgabe, die medizinische, pflegerische, seelsorgliche und soziale Perspektiven miteinander verschränkt. Insbesondere die Frage nach Zuständigkeiten – „Wohin soll ich mich wenden?“ – erwies sich als leitendes Motiv der Diskussion.
 
TN einer Tagung in einem Raum
 
Der zweite Tag eröffnete mit einem spirituellen Impuls von Franz Reiser, der den Tag bewusst in einen performativen Resonanzraum stellte, bevor die inhaltliche Arbeit fortgesetzt wurde. Unter der Überschrift „Spiritual Care in Palliative Care“ kamen am Vormittag unterschiedliche religiöse und professionsbezogene Stimmen zu Wort. Stephan Probst (Bielefeld) sprach über „Die jüdische Stimme“ und zeigte auf, wie jüdische Traditionen des Umgangs mit Krankheit, Leiden und Sterben in die palliative Praxis eingebracht werden können, ohne vorschnell ritualisiert oder essentialisiert zu werden. Dilek Uçak-Ekinci (Fribourg/Zürich) eröffnete mit „Die muslimische Stimme“ eine differenzierte Perspektive auf muslimische Deutungs- und Praxisformen am Lebensende und machte zugleich auf innerislamische Pluralität sowie auf die Herausforderungen interkultureller Kommunikation aufmerksam.
 
Mit dem Vortrag „Den Himmel offen halten. Klinikseelsorge im (post-)säkularen Raum“ knüpfte Günter Renner (Regensburg) explizit an Fragen an, die bereits im Hauptvortrag Peng-Kellers angelegt waren. Er beschrieb Klinikseelsorge als eine Praxis, die sich in einem post-säkularen Kontext zwischen religiöser Sprachfähigkeit, institutionellen Erwartungen und existenzieller Offenheit bewegt. Seelsorge, so Renner, halte einen Deutungsraum offen, ohne ihn normativ zu besetzen – eine Haltung, die sich gut mit Peng-Kellers Konzept narrativer Zurückhaltung und hermeneutischer Sensibilität verbinden lässt.
 
Das Podium mit den Vortragenden des Vormittags, moderiert von Franz Reiser und Verena Wetzstein, machte die produktiven Spannungen zwischen religiöser Verortung, professioneller Rolle und interprofessioneller Zusammenarbeit sichtbar. Dabei zeigte sich, dass Spiritual Care gerade dort an Kontur gewinnt, wo Differenzen nicht eingeebnet, sondern reflektiert zur Sprache gebracht werden.
 
Am Nachmittag wurde das Thema unter der Leitfrage „Wohin soll ich mich wenden …“ weiter konkretisiert. Bernd Alt-Epping nahm in seinem Beitrag „… an die Ärztin / an den Arzt“ die ärztliche Perspektive in den Blick und thematisierte die spirituellen Implikationen medizinischer Entscheidungsprozesse in der Palliativversorgung. Klaus Baumann fragte anschließend „… an den Glauben“ und reflektierte aus caritaswissenschaftlicher Sicht die Rolle religiöser Ressourcen, aber auch deren Grenzen in einer pluralen Gesellschaft. Beide Vorträge ließen sich als praxisnahe Ergänzungen zu Peng-Kellers hermeneutischem Rahmen lesen, insofern sie zeigten, wie Sinnfragen, Verantwortungszuschreibungen und spirituelle Bedürfnisse konkret in professionellen Rollen verhandelt werden.
 
In der abschließenden Einheit „Resonanzen“, moderiert von Eckhard Frick SJ, wurden die vielfältigen Impulse der Tagung zusammengeführt. Hier zeigte sich noch einmal deutlich, dass Spiritual Care weniger durch eindeutige Antworten als durch die Qualität des Umgangs mit offenen Fragen bestimmt ist. Die Tagung machte erfahrbar, dass Spiritual Care in der Palliative Care dort ihre besondere Stärke entfaltet, wo sie bereit ist, sich den Brüchen, Leerstellen und Ambivalenzen existenzieller Erfahrungen auszusetzen.